Hintergrund
Schluss mit der Tierquälerei im Zirkus!

Auch im 21.Jahrhundert werden noch immer Tiere aus aller Welt gefangen gehalten und dressiert, um sie zur Ausführung skurriler Zirkusnummern zu zwingen. Zur bloßen Belustigung des Publikums werden sie gefangen, gezüchtet, gehandelt und verkauft, als wären sie eine Ware. Ihr ganzes Leben verbringen sie dann in engen Transportwagen, Käfigen und Zwingern, die sie nur für die kurze Zeit des Auftritts in der Manege verlassen dürfen.
Unterbringung und Transport
Tiere gehören nicht in LKW-Anhänger und Umgebungen voller Lärm und Menschen, sondern in ihre natürlichen Lebensräume. Elefanten, Großkatzen und andere Zirkustiere verfügen in freier Natur über riesige Lebensräume und legen täglich viele Kilometer zurück. Eine nur annähernd artgerechte Gestaltung der Lebensräume in Zirkussen ist nicht möglich. Zudem werden die Tiere Woche für Woche in engen Tiertransportern von Ort zu Ort gekarrt. Viele Tiere leiden auch unter den klimatischen Verhältnissen, die für sie meistens vollkommen unnatürlich sind. Einige Arten, z.B. afrikanische Elefanten, Flusspferde, Giraffen und Nashörner, sind sehr kälteempfindlich. Andere wiederum leiden im Sommer unter Hitze oder mangelnder Bademöglichkeit.
Dressur
Methoden wie Prügel, enge Halsbänder, Futterentzug und sogar Elektroschocks, die zur Dressur verwendet werden, zeigen immer wieder, dass Zwang angewendet wird, damit Tiere ihre Kunststücke vorführen. Während der Vorstellung dienen Peitsche oder Elefantenhaken als „verlängerter Arm des Dompteurs“, um das Tier ständig an die möglichen Folgen des Ungehorsams zu erinnern. Es ist bekannte Praxis, dass Pfleger und Dompteure oft Gewalt gegen Tiere anwenden, damit sie sich unterordnen. Dass ihnen darüber hinaus auch schon mal das tägliche Trinkwasser entzogen wird, kommt einer „sanften“ Folter gleich. So ist Dressur von Wildtieren zum überwiegenden Teil gegen den Willen der Tiere gerichtet. Sie werden so oft gezwungen, unphysiologische und anomale Verhaltensweisen zu zeigen. Auch wenn einige Zirkusleute mentale Kontrolle statt körperlicher Gewalt ausüben, kann dies niemals darüber hinwegtäuschen, dass die Tiere ihrer Freiheit, Selbstbestimmung und Würde beraubt werden.
Folgen
Extremer Raum‑ und Bewegungsmangel, unnatürliche und gelenkschädigende Dressuren, ständiger Ortswechsel, häufige Transporte und ungeeignete klimatische Bedingungen belasten die Tiere stark. In fast allen Zirkussen sind Verhaltensstörungen zu beobachten. Dazu gehören auffallende und mitunter stundenlang stereotyp anhaltende Bewegungsabläufe wie das ständige Drehen des Kopfes, das Hin‑ und Herlaufen in festen Bahnen oder das Ablecken der Gitterstäbe. Eindeutige Symptome für Stress und Langeweile.
Wenn der Amtstierarzt kommt…
Schätzungen zufolge existieren in Deutschland etwa 250 bis 400 Wanderzirkusbetriebe. Die Zahl ist stark schwankend, weil sich ständig neue Kleinzirkusse gründen oder umbenennen und andere wiederum ihren Betrieb einstellen. Viele von ihnen führen Wildtiere als Publikumsmagneten mit.
In neun bis zehn Monaten Tourneezeit gastieren die Zirkusse i.d.R. an mindestens 60 Orten, an denen sie meist nur für ein paar Tage verweilen. Das führt zu einer oft nur sporadischen Kontrolle durch die zuständigen Veterinär‑ und Artenschutzbehörden. Sporadisch deswegen, weil die Zirkusse sich nicht anmelden, und die Ämter meist viel zu spät von den Gastspielen erfahren und so Kontrollen oft gar nicht oder nur unter großem Zeitdruck und ohne die nötige Vorbereitung durchführen können.
Bei amtstierärztlichen Kontrollen werden immer wieder tierschutzrelevante Missstände festgestellt. Diese betreffen die Tierhaltung (Unterbringung im Winterquartier und während der Reise, Pflege und Ernährung) sowie die Dressur und Beschäftigung als auch die tierärztliche Betreuung. Dabei stoßen die Überwachungsbehörden oft schnell an ihre Grenzen, da die Zirkusse zumeist nur wenige Tage vor Ort sind, sowie Beanstandungen durch die vor ihnen kontrollierenden Behörden nicht erkennbar bzw. nachvollziehbar und spezielle Artenkenntnisse nicht bei jedem Veterinär verfügbar sind.
Wildtiere haben spezielle Ansprüche, was es praktisch unmöglich macht, sie im Zirkus tiergerecht zu halten. Dies hat zu dem Bundesratsbeschluss von 2003 für ein Verbot bestimmter Wildtiere im Zirkus geführt, der jedoch bis heute nicht umgesetzt wurde.
Bolivien verbietet Tiere im Zirkus
Da muss uns also Bolivien vormachen, dass man aus Fehlern lernen kann. Und in Deutschland? Bleibt Deutschland in Sachen Tierschutz ein Entwicklungsland?
Dabei stehen die Zeichen für die Umsetzung eines Wildtierverbots in Deutschland nicht schlecht: 2009 hat die Europäische Kommission das bestehende Wildtierverbot in Österreich bestätigt. „Die Mitgliedsstaaten können nun selbst entscheiden, wie sie Wildtiere im Zirkus angemessen schützen, und dies kann auch durch ein umfassendes Verbot wie in Österreich geschehen“. Und nachdem der Tierschutz in Deutschland seit August 2002 Verfassungsrang genießt, müssen die Interessen der Tiere bei Gericht ebenso Berücksichtigung finden, wie der Rechtsanspruch des Dompteurs oder Tierlehrers auf Ausübung seines Berufes.
Nationale Wildtierverbote in Europa
Absolute und ausgewählte Wildtierverbote für Zirkusse existieren in folgenden Ländern:
Österreich, Bulgarien, Dänemark, Ungarn, Estland, Finnland, Malta, Polen, Schweden, Slowakei, Tschechische Republik, Norwegen, Portugal.
Wildtierverbote in deutschen Städten
… existieren vollständig oder ausgewählt für städtische Flächen in: Heidelberg, Köln, München, Schwerin und Kassel.
Und auch andere Länder und Städte erwägen bereits ein solches Verbot. Nach einer lebensgefährlichen Tiger-Attacke gegen einen Zirkus-Dompteur Ende 2009 in Hamburg wollen sich die Koalitionspartner der schleswig-holsteinischen Landesregierung für ein Haltungsverbot von Wildtieren in Zirkussen einsetzen.
Und auch aus Berlin sind 2010 positive Signale zu vernehmen: Die für den Tierschutz zuständige Senatorin Lompscher hat alle Berliner Bezirke aufgefordert, künftig keine öffentlichen Flächen mehr an Zirkusse mit Wildtieren zu vermieten.
Rückendeckung bekommen all diese Bemühungen von der Bundestierärztekammer, die sich im April 2010 ebenfalls für ein Verbot von Wildtieren im reisenden Zirkus ausgesprochen hat: „Es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel“.
Frau Bundesministerin Aigner, bitte übernehmen Sie!
